Becoming a Writer

Hier einer der versprochenen ausführlichen Berichte vom Literaturfestival “Metropolis Bleu”. Ein ganz persönlicher im übrigen. Eigentlich wollte ich ja nicht groß in aller Öffentlichkeit, im Internet zumal, meine Schreib-Odyseen ausbreiten, das überlasse ich lieber selbstdarstellerischen Naturen. Aber wenn ich vom Festival erzählen will, komme ich darum nicht herum.

Die letzten Wochen und Monate habe ich mich ausschließlich mit meinen Charakteren und dem Handlungsgerüst beschäftigt und noch keine einzige Zeile für den eigentlichen Roman geschrieben. Es war ein Arbeiten in Schleifen: immer wieder blieb ich stecken, weil irgendetwas nicht funktionierte, weil keine Spannung aufkam, weil zu viel Zufall im Spiel war, … und dann legte ich wieder einen Lektüretag ein, wühlte mich durch Foren und Newsgroups und “Wie schreibe ich einen Roman”-Literatur, ging drei Schritte zurück und begann noch einmal von vorne. Und taufte das Ganze “Lernprozess”. Denn immerhin veränderte sich jedes Mal etwas, und jedes Mal kam ich ein Stück weiter. Und das erfreulichste war, dass ich das Gefühl hatte, mein Werkzeugkasten füllt sich, mir stehen immer mehr Techniken und Ideen zur Verfügung, die ich ganz nach Bedarf einsetzen kann. Und mir schien, ich bekäme allmählich ein Gefühl dafür, was für mich persönlich wann funktioniert und auf was ich verzichten kann.

Und dann, vor zwei Wochen etwa, hatte ich endlich eine Personage und ein Handlungsgerüst, das zwar sicherlich noch nicht perfekt ist, aber einigermaßen funktioniert. Jetzt gilt es also den nächsten großen Berg in Angriff zu nehmen: den eigentlichen Text.

Ich fing also an, und es war furchtbar. Holprig, unschön, unfertig. Und dennoch hatte ich das Gefühl: ich muss mich jetzt erst einmal von vorne nach hinten durchpflügen, ohne Rücksicht auf Verluste, damit ich weiß, was tatsächlich in meiner Handlung drinsteckt. Und schreibe deshalb unverdrossen weiter, getröstet von einem Satz, den ich in dem (sehr lehrreichen und interessanten) Blog “EditTorrent“, den zwei amerikanische Lektorinnen schreiben, fand: “Most of us write in layers”. ALso erstelle ich jetzt erst einmal die erste Schicht und schaue dann, welche weiteren sich darin verbergen und ausbauen lassen. Aber es ist eine ziemlich zähe Angelegenheit, gebe ich zu.

So, und nun die Inspirtationen vom Festival.

Freitagabend, Gesprächsrunde zum Thema “Becoming a Writer”. Auf dem Podium vier Autoren, von denen ich noch nie gehört habe, aber es lohnt sich wahrscheinlich, sie kennenzulernen: Adam Leith Gollner aus Montreal, Alice Kuipers aus London, Andrea MacPherson aus British Columbia und Shi Yu aus Shanghai.

Und wie beschrieben sie ihren Schreibprozess?

Alice Kuipers sagte: “Die meiste Zeit ist es furchtbar, aber man schreibt einfach weiter, immer weiter.”
Adam Leith Gollner sagte: “One day in 60 is special.”
Andrea MacPherson beschrieb, wie aus Bruchstücken sich nach und nach der Roman entwickelt.
Shi Yu erzählte, dass ihr erstes Buch im Prinzip aus Blogbeiträgen bestand, und wie sie beim Wiederlesen Jahre später dachte: wie konnte sie das nur in print veröffentlichen!, und beim Übersetzen für die Kanadareise eigentlich alles umschrieb.

Alle sagten: Die Inspiration ist nicht das Problem. Aber sie reicht nicht, sie ist nur der Anfang. Der Rest ist zäh und frustrierend und mühsam und zeitraubend. Und manchmal, ganz manchmal, merkt man: wow, da ist etwas passiert.

Und dann am Samstag, im Schreibworkshop, eine Nebenbemerkung des Dozenten: Der erste Entwurf sei doch eigentlich nie mehr, als um zu sehen, was in dem Buch steckt. Und wenn man den ersten Entwurf habe, könne man anfangen, über die Form nachzudenken.

Und sein Tipp an eine offensichtlich blutige (und reichlich naive) Anfängerin im Kurs: sie solle jetzt erst einmal einfach weiterschreiben, sich vorwärtsschreiben, bis sie an die Stelle kommt, an der sie merkt, da passiert etwas, hier meldet sich plötzlich eine deutliche Stimme zu Wort.

Könnt ihr euch vorstellen, wie befreiend ich das alles fand? Dass ich offensichtlich nicht irgendetwas ganz grundsätzlich falsch mache, sondern es einfach so ist, und das einzige, was sich ändert, eine gewisse Erfahrung und Routine mit den einzelnen Schritten ist? Denn das Gute ist ja: auch wenn es zäh und frustrierend und mühsam ist, macht es doch unglaublichen Spaß, und jeden Tag wieder habe ich das Gefühl: ich muss das einfach tun, irgendwann einmal in meinem Leben musste ich es tun. Und ich fürchte, ich werde nicht so ohne weiteres wieder aufhören können…

Alice Kuipers schrieb mir hinterher als Widmung in das Buch, das ich von ihr kaufte: “Write on, write well!”

I try. Every day.

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