Sinfonia concertante

Bevor ich vom Literaturfestival erzähle, habe ich noch einen anderen Bericht vom Wochenende, nämlich über unser erstes Konzert hier in Montreal: das Saisonabschlusskonzert des Ensemble Sinfonia, dem zweiten Orchester, in dem wir spielen. Und es gibt so einiges, was anders ist als in Deutschland (in Europa?), an ganz unerwarteten Stellen.

Das fängt schon beim Auftritt an. Das Orchester wartet nicht etwa hinter der Bühne und tritt dann auf; nein, in den 10 Minuten vor Beginn findet es sich nach und nach auf der Bühne ein. Und jeder übt, fiedelt und bläst noch vor sich hin, bis das Licht ausgeht! Schlimmer als in der Oper… Die Konzertmeisterin fehlt, sie hat ihren Auftritt, samt Verbeugung und eigenem Applaus. Dann das Stimmen. Bläser in zwei Runden, Blech und Holz, so weit vertraut. Aber die Streicher! Nicht, dass die Konzertmeisterin das a von der Oboe abnimmt und an die Streicher weitergibt, nein, die Oboe bläst und jede/r muss schauen, dass er/sie sein a findet und dann noch schnell die anderen drei Seiten schafft zu stimmen, denn viel Zeit bekommt man dafür nicht. Letzteres ist ja durchaus disziplinierend, aber insgesamt finde ich es doch gewöhnungsbedürftig; ich stimme gerne gründlich und sauber, das ist so kaum zu machen. Nunja.

Nach dem Stimmen tritt dann schließlich der Dirigent auf, so kennt man es, aber dann ist schon wieder etwas anders. Er hebt nämlich nicht den Taktstock und legt los, sondern dreht sich erst einmal zum Publikum und hält eine Ansprache. Ist es, damit die Leute nicht während des Konzerts das Programmheft lesen?  oder ist es eine Tradition aus Zeiten, als Programmhefte noch zu teuer war? oder Konzertbesucher nicht lesen konnten? Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls wird etwas über das kommende Stück erzählt, und ganz besonders apart ist, dass das in beiden Sprachen passiert. Wobei der Dirigent nur in seiner ersten Ansprache in etwa das gleiche auf englisch und französisch erzählt hat; bei den Ansprachen zwischen den Stücken (ja, die gibt es auch, das ist konsequent) hat er vielmehr fröhlich den Faden weitergesponnen, auch wenn er die Sprache wechselte. Wobei ich vermute, dass ohnehin die meisten im Publikum beides verstanden haben und es vor allem eine Sache der Höflichkeit ist, beide Sprachen mal drankommen zu lassen.

Der weitere Ablauf wie gehabt, bis auf die Ansprachen zwischen den Stücken. Und dann der Applaus: er fällt hier viel kürzer aus! Der Dirigent geht nur einmal ab und wieder auf die Bühne; entweder wird dann direkt eine Zugabe gespielt, oder es gibt keine. Und nach dem zweiten Abgang ebbt der Applaus ab und die Leute gehen. Das bedeutet nicht, dass es schlecht war, nein, gar nicht, es ist hier einfach so - nach zwei Minuten Applaus ist einfach alles gesagt.

Ich habe jetzt natürlich noch nicht alles gesagt. Es fehlt zum Beispiel: dass wir Hindemiths “Symphonische Metamorphosen”, Mahlers “Lieder eines fahrenden Gesellen” und Schostakovitschs 1. Sinfonie gespielt haben. Dass das Programm für gerade mal zwei Monate Probenzeit ganz schön schwer war. Dass es sich ein bisschen anfühlte wie Konzerte mit dem Motettenchor: no risk, no fun… Dass der Dirigent im Konzert noch irrsinnigere Tempi vorgelegt hat als in den Proben. Dass im Publikum wahrscheinlich dennoch nicht gemerkt hat, was wir alles nicht (oder nicht so, wie es in den Noten steht) gespielt haben. Und dass es irrsinnig Spaß gemacht hat, und ich mich schon auf September freue, wenn nach der Sommerpause die Proben wieder anfangen!

Eine Antwort zu “Sinfonia concertante”

  1. ele sagt:

    Viva la musica!
    :-))

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